ARTHUR GRÜNEBERG

Das tausendjährige Lenzen

(aus der Monatszeitschrift "Land und Leute", Heft 4/5 1956)

Am 5. September 1954 wurde Lenzen 1025 Jahre alt. Während manche Städte bei der Berechnung ihres Alters von der ersten Ortsnamensnennung ausgehen oder von der ersten auffindbaren Urkunde bzw. von der Verleihung des Stadtrechtes, setzte die Stadt Lenzen den markantesten Punkt ihrer Geschichte, die Schlacht bei Lenzen am 5. September 929 als ihren Geburtstag fest.

Die Lage an der Elbe vor über 1000 Jahren wird treffend durch die Sage dargestellt. Danach lebte damals auf der Kuppe des Höhbecks ein Riese der drohend in die Prignitz hinüberrief: "All mien!" Dann entstieg dem Kiebitzberg bei Moor ein anderer Riese, der ihm erwiderte: "Nich dät!" . Diese beiden Riesen verkörperten die hier lebenden Völkerschaften: die Germanen westlich der Elbe und die Slawen an der Ostseite des Stromes. Nachdem Karl der Große die Sachsen in einem blutigen Krieg besiegt hatte, stieß er 789 bis zum Höhbeck vor und schlug nach den Annalen Einhardts von Köln zwei Brücken ("duos pontes construxit"). Professor Schuchhardt erklärt, daß die eine von Brückendorf nach Restorf über einen Zwei-Elbarm und die zweite dann von Höhbeck nach Lenzen geschlagen worden sei. Diese zweite Brücke erhielt am Anfang und Ende eine befestigte Anlage. Bereits 816 wurden die Höhbeckanlagen zerstört.

Wie lange Lenzen noch unter deutscher Oberhoheit gestanden hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls sind 929 die Wenden im Besitze dieses befestigten Ortes. Am 1. September 929 überschritten die Truppen Heinrichs I. zur Ausdehnung ihrer Macht die Elbe, nachdem sie zwei Jahre zuvor bereits die wendische Festung Brennobar erobert hatten. Sie wurden befehligt vom Legaten Bernhard und dem Grafen Thietmar von Thüringen. Trotz mehrtägiger Belagerung war an eine Eroberung der Burg Lenzen nicht zudenken. Inzwischen sammelten die Wenden größere Truppenmassen im Raum von Bäckern zum Entsatz der Feste. Durch Verrat wurde dem sächsischen Heere bekannt, daß die Wenden beabsichtigten, in der Nacht zum 5. September anzugreifen. Durch ein furchtbares Unwetter mit Regen und Sturm wurde dieser Angriff verhindert. Darauf entschloß sich Legat Bernhard, in der Frühe nun seinerseits vorzugehen, und es kam zu einer Schlacht im Raum von Bäckern, der Löcknitz und dem Rudower See. Nach Darstellung im Diorama, das nach historischen Quellen aufgebaut worden ist, brachte die sächsische Reiterei, für damalige Zeit eine moderne Waffe, die Entscheidung des Tages. Große Teile des Wendenheeres wurden in die Fluten der Löcknitz, die damals wesentlich breiter war und in der Niederung hinter der jetzigen Stadt noch eine seeartige Ausbuchtung besaß, getrieben. Diejenigen, die sich durch die Furt zu retten versuchten, wurden in der Nähe des jetzigen Ziegelhofes gefangengenommen und sollen dort hingerichtet worden sein. Größere Verbände des wendischen Heeres wurden in die Moore und in den Rudower See getrieben und sollen dort ebenfalls umgekommen sein.

Mit der Eroberung dieser Gebiete setzte auch die Christianisierung ein. Aber die heidnischen Wenden brachten diesen Bestrebungen größten Widerstand entgegen. Die Empörung wurde vor allem dadurch geschürt, daß Markgraf Gero rücksichtslos gegen die Wenden vorging. Es flackerten schon nach wenigen Jahren Aufstände auf, die größeren Umfang annahmen, so daß am 29. Juni 983 der Bischofssitz Havelberg erobert wurde. Es steht fest, daß 987 die Burg von Lenzen noch unter deutscher Oberhoheit stand und von den Sachsen sogar ausgebaut wurde.

Zu den heidnischen Fürstensöhnen, die nach 929 in Klöstern erzogen wurden, gehörte auch der Sohn des Obotritenfürsten Uto Gottschalk. Als er1047 sein Reich übernahm, das von der Ostseeküste bis nach Lenzen reichte, war er ein eifriger Verfechter des Christentums und gründete mehrere Klöster, so auch in Lenzen, vermutlich auf dem Gelände des jetzigen Schulhofes. Doch der Widerstand der heidnischen Bevölkerung wuchs immer mehr, vielleicht besonders deswegen, weil sich auf dem Ysekenberg, dem heutigen Marienberg, ein Heiligtum für die Verehrung der Wendengötter befand. So wurde Gottschalk am 7. Juni 1066 in der Kirche zu Lenzen auf Anstiftung seines Schwagers Blusso ermordet.

Damit war für fast ein Jahrhundert dieses Gebiet wieder rein heidnisch-slawisch. Über die Ermordung Gottschalks berichtet ein zeitgenössischer Chronist Helmholdt in dem Buch "Chronica slawarum", liber I,22: "Inurbe Leontio quae alio nomine Lenzin dicitur ..." ("in der Stadt Leontium, die mit einem anderen Namen Lenzin genannt wird"). In diesem Satz ist einmal der lateinische Name Lenzens, Leontium, und dann auch die sprachliche Form Lenzin enthalten, die fast schon der heutigen entspricht. Diese sehr früh angegebene Form des Namens weist auf das pomoranische (westslawische) Lencne hin, was soviel wie "Bruch", "Sumpfwiese" bedeutet. Aus dem oben zitierten lateinischen Satz geht ferner hervor, daß Lenzen schon um 1150 als Stadt bezeichnet wird ("in urbe"), hingegen die Chronisten berichten, daß die Stadtrechte für Lenzen und Perleberg erst im Jahre 1239 verliehen und in der Urkunde vom 11. Juli 1252 durch Markgraf Otto III. noch mal bestätigt worden sind.

Unter Albrecht dem Bären wurde die Eroberung der ostelbischen Gebiete fortgesetzt, und somit begann auch gleichzeitig die Geschichte der Verpfändung Lenzens. Im Jahre 1190 wurde es dem Edlen zu Putlitz als Lehen gegeben. Durch den ständigen Wechsel der Lehnsherrschaften und die damit verbundenen immer erneuten größtmöglichen Ausnutzungen ihrer Lehnsrechte hat Lenzen viel gelitten. 1336 wurde die Stadt zusammen mit Dömitz "mit allen Gerechtsamen und Gerechten, mit allen Nutzungen, die zu beiden Seiten der EIbe dazugehören, für 6500 Mark Silbers und Gewichts an den Grafen Heinrich von Schwerin und seine drei Vettern verpfändet." Als besonderen Nachteil für die Stadt hatte es sich erwiesen, daß sie zu fast allen Zeiten ein Grenzort war und damit in die Zwistigkeiten ihrer Nachbarn geriet, so der Herzöge von Mecklenburg und Pommern, von Lüneburg und des Erzbischofs von Magdeburg.

Unter der Herrschaft der Bayern und Luxemburger, die dem Lande meist fern blieben, obgleich sie seine Regenten waren, waren geradezu chaotische Zustände zu verzeichnen. Das Fehdewesen nahm im Lande überhand, und Raubritter belagerten die Landstraßen und plünderten die Reisenden aus. So saßen 1385 die Raubritter Cuno und Nikolaus von Quitzow auf der Burg Lenzen, drangen von hier aus weit in ihre Nachbargebiete ein. Ihre Überfälle wurden derartig dreist, daß sie sogar am Tage auf offener Straße den Domherrn von Schwerin, Friedrich Junge, überfielen und in Gefangenschaft auf die Burg Lenzen verschleppten. Er ist schon nach wenigen Tagen eines qualvollen Todes gestorben, da das geforderte Lösegeld nicht bezahlt werden konnte. Mit den Quitzows im Bunde haben die anderen Raubritter der Umgebung die Städte Parchim und Perleberg überfallen und ihre Viehherden geraubt. Im Jahre 1396 rückte Albrecht von Mecklenburg mit einem .großem Heere, dem sich auch die Perleberger anschlossen, vor die Stadt, zerstörte die Burg Lenzen bis auf den Turm und ließ die gefangenen Raubritter Urfehde schwören. In dieser Zeit spielt die Sage, nach der 13 Prignitzer Raubritter, deren Füße mit Ketten an der Zinne angeschlossen waren, vom Burgturm gestoßen wurden. Ihre Seelen geistern noch heute als Raben um den Turm.

Im 15. Jahrhundert wurde der Burggraf Friedrich von Nürnberg Statthalter der Mark. Willig erkannten die meisten Städte ihn an, nur Kaspar von Putlitz weigerte sich auf Betreiben der Quitzows, dieser Aufforderung nach zukommen. Daraufhin griff Friedrich im Jahre 1416 zum Schwert und zwang zur Aushändigung von Stadt und Land ohne jegliche Entschädigung. Am 1. April 1418 stellte dieser Burggraf der Stadt eine Bestätigung ihrer Privilegien aus. Aber auch unter den Hohenzollern hörten die Verpfändungen Lenzens nicht auf. 1421 ging die Stadt bereits wieder an den nächsten Pfandinhaber über, kam 1426 wieder an die Quitzows und wurde von diesen von Hand zu Hand weitergegeben. Wie alte Urkunden zeigen, sind Land und Leute, Vieh und alles Besitztum zur Handelsware zugunsten der souveränen Herrscher gewesen, die ständig in Geldnöten waren, weil sie ein gutes Leben führen wollten.

Obwohl Joachim I. dem Raubritterunwesen endgültig ein Ende setzte, hatte doch der Adel noch vielerlei Vorrechte, die in der Städteordnung vom Jahre 1515 festgelegt waren. Danach durften u.a. beim Hochzeitsmahl nicht mehr als fünf Gerichte, jedem nicht mehr als zwei Schüsseln für die Person, gegeben werden, nur Adligen waren 10 Gerichte gestattet.

Durch die Bauernkriege wurde das Volk aufgerüttelt, und das Verhältnis zwischen der Bürgerschaft und dem Adel der Burg Lenzen war sehr gespannt. Aus einem Aktenstück vom 20. November 1587 geht hervor, "daß die edle Frau Mette Wenckstern, Jürgen von Wintersfeld sel. Witwe, sich an die Herzogin von Mecklenburg wandte mit der Bitte um ein Fürschreiben an den Kurfürsten sowie um Zuweisung eines Rates desselben als Beistand". Was war der Anlaß dazu? Anläßlich eines Festes auf der Burg zu Lenzen waren ihre Gäste ohne Streit im fröhlichen Kreis beisammen gewesen und keinem Bürger der Stadt mit Worten oder Werken zu nahe getreten. Bei ihrer Abfahrt von der Burg hatte eine Adelsperson einen "Freudenschuß" abgegeben, und diese setzte die Bürgerschaft derartig in Erregung, daß sie auf Zureden des Rates der Stadt sich zusammen rottete und gegen die Festteilnehmer vorging. Es kam zu blutigen Zusammenstößen, wobei mehrere Personen, unter anderem auch Frau Mette Wenckstern, lebensgefährlich verletzt wurden. Der Vorfall wurde dadurch bestraft, daß der Stadt ein Dritteil des Gerichts genommen wurde, der später mit 500 Gulden zurückgekauft werden mußte. Auch mit den Hof und Spanndiensten scheint es nach den Urkunden gar nicht mehr geklappt zu haben; denn die Bauern weigerten sich, solche noch zu leisten bzw. kamen ihren Verpflichtungen, Küchenholz und Jägerbrote abzuliefern, nicht mehr nach.

In den Fischereigerechtsamen wollten die Fischer sich nicht mehr mit den ihnen zustehenden Gebührnissen begnügen, sondern verlangten beim Fischen "mit grobem Garn" die Hälfte des Gesamtertrages. Zum Fischen für die kurfürstliche Küche ließen sie sich nicht bewegen, bis man sie "mit Spießen dazu gezwungen". Ebenso wollten sie die sogenannten "Herrenfische", Hechte zum Beispiel, nicht der Burg überlassen. Statt dessen legten sie im Mühlenstrom Körbe und weigerten sich, die Buße von 18 Mark zu zahlen, wenn sie gefaßt wurden.

Der Dreißigjährige Krieg brachte neue Schrecken über die Stadt. Wochenlang wurden die Bürger von Requisitionen und Plünderungen der Soldateska verschiedenster Heerführer heimgesucht, und wenn endlich eine Truppe abzog, kamen andere und trieben es meist noch ärger. Am 15. Oktober 1638 rückten die Schweden in Lenzen ein und hausten so entsetzlich, daß die Einwohner in die nahegelegenen Eichwälder, nach dem Elbwerder und in die Kuhblank flüchteten, wo sie - in Erdhöhlen hausend – ihr Leben notdürftig fristen konnten und von Eichelbrot sich ernährten. Der Kantor Johannes Lamprecht und sieben Bürgersöhne, die geraubtes Vieh wieder abjagen wollten, wurden von den Schweden auf der Jageler Feldmark erschlagen. Als die zurückgebliebenen Bürger der Raubgier der Soldaten nicht mehr nachkommen konnten, hat man fünfzig Personen auf grausame Art zu Tode gemartert und am 8. November die Stadt in Brand gesteckt, wobei 56 Häuser und viele Scheunen und Ställe eingeäschert wurden. In diesen Flammen sollen 25 Kinder geworfen worden sein. Die Einwohnerzahl sank von 3000 auf 300 herab. Die Felder waren seit langem unbebaut, und einige Dörfer der Umgebung verschwanden vom Erdboden, zum Beispiel Groß- und Klein-Sterbitz und Rudow sowie eine Ansiedlung zwischen Lenzen und Mödlich.

Im Jahre 1650 übernahm der damals schon 57jährige ehemalige holländische Admiral und Gouverneur Gysels van Lier das Amt Lenzen und begann gleich mit dem Aufbau der Stadt. Sein Verdienst ist die Anlegung der Hamburger und Neustadtstraße mit ihrer Geradheit und Großräumigkeit. Um die in und um Lenzen herrschende Wolfsplage zu bekämpfen, bewaffnete Gysels van Lier die Lenzener Bürger und Bauern, nachdem der Adel sich geweigert hatte, seinen Jagdrechten nachzugehen; dafür wurde er mit Besatzung belegt. Van Lier, ein aufgeschlossener und seiner Zeit weit vorausschauender Mensch, ordnete an, daß wenigstens an den Winterabenden Schulstunden zu halten seien. Auch die Straßenreinigung Lenzens lag ihm sehr am Herzen. Er empfahl, die Dunghaufen von den Türen wegzufahren und lieber aufs Feld zu bringen, wo sie weitaus nützlicher wären. Zum Aufbau der Deiche holte er viele Ansiedler aus Holland in die Lenzer Wische, und ihm ist das heutige Deichsystem mit dem Elbdeich, Achter-und Praggerdeich zu verdanken, dessen Anfänge bereits im 11. Jahrhundert vorhanden waren und während des Dreißigjährigen Krieges vollkommen zerstört worden waren. Wie wichtig die Anlegung dieser Deiche war, beweisen die immer wiederkehrenden Hochwasser. Trotz vieler Deichbrüche, die die Lenzener Bevölkerung bis in die jüngste Zeit hinein erlebte, hat sich jede Generation bemüht, diese Deiche gegen das Wasser weiter zu befestigen, auszubauen und zu erhöhen.

Kaum hatte sich die Stadt von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges erholt, als eine neue mächtige Feuersbrunst 1703 wieder 134 Häuser, beide Schul- und Pfarrhäuser, Kirche und Rathaus zerstörte. Nur 80 Häuser wurden verschont. Obwohl die Stadt nun wieder mit dem Aufbau reichlich beschäftigt war, mußte sie zum Unterhalt der Truppen Friedrichs II. große Magazine anlegen und die Vorräte als Nachschub per Pferd und Wagen von Lenzen allwöchentlich bis nach Küstrin fahren.

(Stadtplan von Lenzen aus dem Jahre 1703)

Was begab sich nun in Lenzen zur Zeit der Befreiungskriege? Durch das Vorbild Friedrich Ludwig Jahns wurde die Jugend begeistert und bereitete sich schon frühzeitig auf die Befreiung vom napoleonischen Joch vor. Um der Einziehung zum napoleonischen Heer zu entgehen, hatten sie sich zum Teil über die Elbe geflüchtet oder hielten sich in den Eichwäldern versteckt, wo sie von der Bevölkerung Lenzens mit Lebensmitteln versorgt wurden. Auch Blücher und Theodor Körner weilten in dieser Zeit in unseren Mauern.

Dadurch, daß die Hauptverkehrswege schon seit frühester Zeit über Lenzen in Richtung Hamburg, Magdeburg und Leipzig führten, herrschte hier ein reger Verkehr. Lenzen hatte drei Posthaltereien und unterhielt 86 Pferde. Der Wasserzoll, der sich schon seit dem 14. Jahrhundert in Lenzen befand, wurde 1641 noch durch den Werbener Zoll vermehrt und brachte für die Stadt hohe Einnahmen, oftmals natürlich zum Nachteil der Schiffahrt. In dieser Epoche lag die Blütezeit unserer Stadt. Durch die Verlagerung des Wasserzolls nach Wittenberge und den Bau der Straße Berlin-Hamburg über Warnow ging der Verkehr stark zurück. Der Anschluß an die Industrialisierung wurde leider verpaßt. Lenzen entwickelte sich zu einer typischen Kleinstadt, deren Bürger vom Betrieb der Landwirtschaft, des Kleingewerbes, des Handwerks und des Handels lebten. Die Chronik Lenzens beginnt mit einer großen Schlacht.

Kriegerische Ereignisse belasten jedes Jahrhundert das Geschick der Stadt. Ihre Geschichte zeigt uns deutlich die Notwendigkeit, den Frieden für die Zukunft zu erhalten und dafür Sorge zu tragen, daß aus dem jetzigen Grenzort wieder eine blühende Stadt in einem geeinten Deutschland wird.

 

(aus Anlaß des Geburtstages meines Vaters Siegfried Lindner am 25.02.2001 eingescannt mit OCR und nachbearbeitet)